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Lecture: Karl Heinz Bausch: Was ist Deutsch?

November 2004

Was ist Deutsch?

Prof. Dr. Karl-Heinz Bausch

Institut für deutsche Sprache, Mannheim

  • Der deutschsprachige Raum umfasst die vier Staaten Österreich, die Deutsch-Schweiz, Luxemburg und Bundesdeutschland. Darüber hinaus reicht er nach Italien (Südtirol) und nach Frankreich (Elsaß). Da er in seiner langen Geschichte kein zentrales Macht- oder Wirtschaftszentrum hatte, waren – und sind die ca. 20 Regionaldialekte in unterschiedlicher Weise an der Herausbildung der deutschen Hochsprache beteiligt.
  • Zunächst kam es zur Vereinheitlichung der Schriftsprache. Sie beginnt im 14. Jahrhundert in den Amtsstuben mit der Ablösung des Latein als Verwaltungs- und Urkundensprache. In Mittel- und Süddeutschland bildeten sich aus den fränkischen, bairischen und alemannischen Dialekten allmählich regionale Schreibvarianten heraus. Im 16. Jh. lösten sie auf Betreiben der protestantischen Kirche auch in Norddeutschland die dortige - dem Niederländischen verwandte – niederdeutsche Schreibsprache ab. Der weitere Vereinheitlichungsprozess wurde insbesondere durch das Interesse der Buchdrucker an der Ausdehnung ihres Marktes gefördert. Ihnen ist zu verdanken, dass es zu keiner eigenen schweizerdeutschen Schriftsprache kam. Im 18. Jh. ist die Vereinheitlichung der Schriftsprache in Grammatik und Wortschatz weitgehend abgeschlossen. Ihre allgemeine Verbreitung beginnt jedoch erst im 19. Jh. mit der Industrialisierung und dem Ausbau des Schulsystems. Eine für die Verwaltung und Schulen im preussischen Staat verbindliche Rechtschreibung wurde 1904 eingeführt.
  • Die Vereinheitlichung der hochdeutschen Aussprache beginnt erst Ende des 19. Jhs. mit dem „Lesen nach der Schrift“ an den Schulen. Sie ist bis heute nicht abgeschlossen. Nur für Schauspieler und Nachrichtensprecher gibt es seit 1924 eine verbindliche Aussprache, die sogenannte „Bühnenhochlautung“. Ein Aussprache-Wörterbuch, das die Standardsprache der gebildeten Sprecher dokumentiert, sucht man noch heute vergeblich.
  • Das heutige im Alltag gesprochene Deutsch ist – insbesondere südlich von Frankfurt am Main - eine variantenreiche Sprache. Sie schwankt zwischen Lesestil und Dialekt. Nach Umfragen verstehen in Norddeutschland nur etwa 33% der Erwachsenen einen Dialekt, den sie jedoch nur selten verwenden. Daher spricht man dort weitgehend nach der Schrift. In Süddeutschland dagegen benutzen fast 50% der Erwachsenen ihren Dialekt sehr oft. Deshalb haben die süddeutschen Dialekte Bairisch (34,5%) und Schwäbisch/Alemannisch (19,1%) das höchste Prestige. Bairisch ist von Augsburg bis zur östlichen Landesgrenze Österreichs und in Südtirol die übliche Varietät in informalen Gesprächen. In der Deutsch-Schweiz ist Alemannisch - dort „Schweyzerdütsch“ genannt - sogar in formalen Gesprächen die normale Varietät.
  • Sowohl die Produktivität als auch das Prestige der südlichen Dialekte haben dazu geführt, dass dialektale Akzente in den Unterhaltungsprogrammen von Rundfunk und Fernsehen wieder salonfähig geworden sind. Die „Bühnenhochlautung“ ist nur noch im Nachrichtenteil der Medien obligatorisch. Codeswitch zwischen den Dialekten und den regionalen Standardvarietäten werden auch in den Medien mehr und mehr zur gespächsorganisatorischen und stilistischen Differenzierung in der Kommunikation verwendet.
  • Diese tendenzielle Zweisprachigkeit zwischen Dialekt und Schriftdeutsch stellt besondere Anforderungen an Deutschlerner: Sie müssen sich neben dem Erwerb der Schriftsprache eine differenzierte passive Kompetenz im Hörverstehen aneignen, damit sie dem variantenreichen „Alltagsdeutsch“ folgen können. In Österreich und in der Schweiz ist man offener gegenüber lexikalischen Entlehnungen aus anderen
  • Sprachen, weil diese Länder in ihrer Geschichte mehrere Sprachnationalitäten vereinten. Dort haben Internationalismen eine Heimat. In Deutschland dagegen wirkt noch heute die sprachnational orientierte Sprachpflege des preussischen Staates aus dem 19. Jh. nach. Die Furcht vor der „Zerstörung“ der deutschen Sprache durch das Angelsächsische ist ein typisch bundesdeutsches Phänomen, das die anderen deutschsprachigen Länder kaum berührt.
  • Übrigens kann man sehr gut am Pennsylvania-German beobachten, welche natürliche Entwicklung das Deutsche ohne Einfluss der Buchdrucker und Sprachpolitiker hätte nehmen können. In ihrer zweihunderfünfzigjährigen Geschichte haben Siedler aus süddeutschen Dialektregionen in einigen Staaten der USA und in Ontario eine gesprochene Standardsprache entwickelt, die dem heutigen Pfälzer Dialekt in der Region um Mannheim und Heidelberg sehr ähnlich ist. Pennsylvania-German Sprecher berichten, dass sie kaum Verständigungsprobleme auf ihren Reisen durch Süddeutschland, Österreich oder die Schweiz hatten, wenn sie ihr „Daitsch“ sprachen: „Ich hab’s geused well in Daitschland. Even in Plätz, wu’s ich sie ned verschdehe hebb kenne, henn sie mich verschdanne. Sell hat mich surprised.“ Einen Germanisten, der sich mit der Sprachrealität im deutschsprachigen Raum beschäftigt, überrascht das natürlich nicht.
 

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